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MS "Seefuchs", ex "Heringshai"
Zum Schiff und seiner Geschichte
Oliver Schmidt
1958 lief der 26,5-Meter Kutter "Heringshai" mit der Fischereinummer SAS 316 auf
der Elbewerft Boizenburg vom Stapel. Im Januar 1959 erfolgte die Übergabe
an den VEB Fischfang Sassnitz als Teil eines 50 Schiffe dieses Typs umfassenden
Neubauprogramms. Nach 1990 wurden einige wenige dieser Schiffe von ihren Kapitänen
gekauft und weiter Fischfang betrieben. Der "Heringshai" allerdings musste 1992
wegen eines schweren Brandschadens ausser Dienst und stillgelegt werden und stand
seitdem zum Verkauf.
Am 17.04.1993 habe ich das Schiff von Volker Ziegner
gekauft. Nach einem kurzen Rundgang durch das Schiff mit einem Handschlag im
Maschinenraum besiegelt, "packen Sie`s ein ich nehme es gleich mit": Als ich
wieder auf der Pier stand, waren 20 Minuten vergangen, und ich hatte ein Schiff
gekauft. - 174 Tonnen Schrott. Der Schiffsname musste durch uns geändert werden,
da Volker Ziegner seinen damals noch in Bau befindlichen Heckfänger wieder
"Heringshai" taufen wollte und so wurde aus SAS 316 der "Seefuchs".
Aber man kann sich vorstellen, in welchem Zustand das Schiff übernommen wurde.
Grund genug, um von den Alteingesessenen des Sassnitzer Hafens belächelt zu werden.
Günter Röpke, Chief im Ruhestand, hatte seine Ausbildung in den 50er
Jahren auf einem "26er" begonnen und brachte es nun fertig, die Hauptmaschine
und das kaputtgefrorene Hilfsaggregat, den Jockel, zu reaktivieren. Ich hatte
dabei beste Gelegenheit, mit dem Schiff zu verwachsen.
Ein wunderbarer Moment war es dann, als wir den Sassnitzer Hafen zu einer ersten
Probefahrt verlassen konnten. Beim Passieren der Mole begegnete uns der neue
"Heringshai" einlaufend von einer seiner ersten Fangreisen. Ich war damals stolz
auf unsere gelungene Wiederbelebung gegen alle Unkenrufe!
Ich erinnere mich gern an diese Zeit. Günter Röpke half uns mit seiner
kameradschaftlichen Unterstützung auf die Sprünge. Er verstarb 1994.
Am 10.02.1994 wurde das Schiff von Sassnitz nach Greifswald verholt. Dort hatten
wir das Angebot aus dem Museumshafen, mit dem "Seefuchs" als ehemaligem Fischereifahrzeug
mit Geschichte einen festen Liegeplatz in Anspruch zu nehmen. Unser Fürsprecher
war wiederum einer, der seine Dienstzeit auf einem "26er" begonnen hatte. Chief
Ingenieur i.R. Siegfried Willhelm Rust, auch bekannt unter "Pitschek", ist im
Greifswalder Museumshafen e.V. Mitglied des Vorstands und 1. Hafenmeister.
Ohne finanzielle Belastungen durch Hafengelder konnten wir uns nun dem anstehenden
Innenausbau der Mannschaftsräume widmen.
Damals gab es bereits viele Helfer, die aus freien Stücken kräftig mit
zupackten.
Die erste "grosse" Fahrt startete am 25.07.1994 nach Bornholm. Wir hatten
phantastisches Wetter und alles lief gut. Anders wäre es uns in dem doch
noch recht spartanischen Innenausbau schlecht ergangen. Aber der Ausbau ging im
Laufe der nächsten Zeit Stück für Stück immer weiter voran;
immer so, wie es die Finanzen und vor allem unsere Freizeit erlaubten.
Inzwischen waren mit Claus und Karsten zwei Mitstreiter fest dabei, später
kam dann Brocki als Vierter um Bunde dazu.
Claus war in den Achtzigern auf verschiedenen Tankern als E-Mix gefahren und
übernahm auf unserem Schiff die Restaurierung und Neuinstallation der
Bord-Elektrik und Elektronik. So wurde aus drei zum Ausschlachten freigegebenen,
polnischen Radargeräten das Bordradar wiedergeschaffen. Es hielt immerhin
noch zwei Jahre durch bis es schliesslich einer Neuanschaffung weichen konnte.
Karsten fuhr bis 1990 als Nautiker bei der DSR und lebt heute als freischaffender
Fotograf. Brocki ist Schiffsmaschineningenieur, wie auch ich.
Das Schiff wurde 1997 notariell zum Gemeinschaftsbesitz erklärt. Es entstand die
"Seefuchs"GbR.
1995 kam es zur Zusammenarbeit mit dem Verein für Unterwasserarchäologie M/V e.V..
Seitdem unternehmen wir regelmässig Fahrten zur unterwasserarchäologischen
Untersuchung der küstennahen Gewässer Mecklenburg-Vorpommerns. Dabei
fungiert der "Seefuchs" als Basisschiff. Eine inzwischen unerlässliche
Partnerschaft für die erfolgreichen Forschungsarbeiten des archäologischen
Landesmuseums und des Landesamtes für Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern.
Verwiesen sei auf die Entdeckung und Bergung des "Gellenwrack" sowie der
"Poeler Kogge", der "Prerower Kogge", die Untersuchung der Schiffssperre zwischen
Rügen und Usedom, mehrerer Wracks von Frachtseglern, Lastkähnen,
Kriegsschiffen, vergessenen Hafenanlagen, versunkenen Siedlungsplätze, usw..
1998 machten wir unsere bisher weiteste Reise mit dem "Seefuchs".
Greifswald - Gdansk - Klaipeda - Riga - Pärnu - Romasaare - Visby - Kalmar - Hasle -
Greifswald. Ein Anliegen dieser Reise war es, auch auf unterwasserarchäologischer
Ebene Kontakte zu knüpfen und zu vertiefen. Sehr gute Beziehungen gibt es
seitdem z.B. zum Zentralen Meeresmuseum in Gdansk, wohin wir im August 2000 eine
fünftägige Reise machten und gemeinsam mit polnischen Kollegen in der
Danziger Bucht Wracks aus dem 17. Jh. betauchen konnten.
Im Laufe der Jahre ist aus dem stillgelegten, abgewrackten Kutter "SAS 316" nun
wieder ein schmuckes und einsatzfähiges Gebrauch-Schiff geworden.
Wichtig für uns ist der dabei ausgebliebene Stilbruch, denn grundsätzlich
soll dieses Schiff auch für die Zukunft in seiner äusserlichen
Originalität erhalten bleiben - weithin unverkennbar als ein 26 1/2 Meter-Kutter.
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